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Uraufführung

Im Mercedes-

Sternbild der

Erinnerung

STATION PARADISO von
Sara Glojnarić uraufgeführt


Station Paradiso von Sara Glojnarić - an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Matthias Baus

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Sara Glojnarićs Station Paradiso trägt den Untertitel einer Mixtape-Oper über die Sehnsucht nach Zuhause. Das klingt zunächst nach einem Versprechen von weiter Gültigkeit: eine Oper über Migration, Erinnerung, Entwurzelung und jene Musik, die Menschen mit sich führen, wenn sie ein Land verlassen und doch nie ganz von ihm loskommen. In Stuttgart aber verengt sich dieses Allgemeine rasch ins Lokale. Daimler-Benz, die Arbeitswelt des Schwabenlandes, der Mercedes-Stern als säkulares Emblem einer Migrationsgeschichte: Alles ist gegenwärtig, alles ist wiedererkennbar, alles ist historisch beglaubigt. Vielleicht sogar zu sehr.

Der Abend, uraufgeführt an der STAATSOPER STUTTGART, basiert auf Interviews, die Glojnarić mit Menschen aus der ersten, zweiten und dritten Generation der Gastarbeiter-Diaspora geführt hat. Das Programmheft spricht ausdrücklich von einem langen Prozess des Zuhörens: Gespräche über Migration, Arbeit, Familie, Verlust, Stolz, Ausdauer — und über jene Musik, die sich in Biografien einnistet wie ein zweites Gedächtnis.

Ausgangspunkt ist eine Kassette aus dem StadtPalais Stuttgart: die Stimme einer in Neapel zurückgebliebenen Großmutter, während ihre Kinder dem Ruf der Arbeit nach Deutschland folgten. Im Programmheft erscheint diese Kassette als frühe Form einer Sprachnachricht, als akustische Brücke über Entfernung und Entbehrung hinweg. Aus ihr entwickelt sich die dramaturgische Grundfigur des Abends: Neun Menschen steigen in Stuttgart in einen Bus und zahlen nicht mit Geld, sondern mit ihrem Lieblingslied. Die Fahrt führt entlang ehemaliger Gastarbeiterrouten über Kroatien, Serbien, die Türkei und Italien — äußerlich eine Reise durch Europa, innerlich eine Passage durch Erinnerung, Sehnsucht, Scham und Verlust.

Das besitzt zunächst alle Ingredienzen eines starken Opernstoffs. Bewegung, Herkunft, Rückkehr, Fremdheit, Familienmythen, soziale Härte und private Verwundung: Man könnte daraus ein Musiktheater von großer Allgemeingültigkeit formen. Doch gerade an dieser Stelle zeigt sich die empfindliche Grenze des Abends. Die Komponistin und die Librettistin Tanja Šljivar haben sich mit großer Genauigkeit in die persönlichen Geschichten dieser Region vertieft. Man spürt die Recherche, die Nähe, den Respekt vor den Stimmen. Aber aus dieser Nähe erwächst nicht notwendig jene Verdichtung, die aus dokumentarischem Material eine tragfähige dramatische Form macht.

Eine Oper über Migration müsste, wenn sie über ihr unmittelbares Entstehungsmilieu hinausreichen will, auch anderswo bestehen können: in Essen, Frankfurt, Wien, Zürich oder Marseille. Station Paradiso hingegen bleibt auffallend an Stuttgart gebunden. Es geht um Gastarbeit in Deutschland, gewiss; doch im Kern geht es um Gastarbeit im Schwabenland, um Daimler, Bosch, Industriewäscherei, Sindelfingen, Böblingen und die spezifische Arbeitsmoral einer Region, in der das Ankommen immer auch über Fabriktore, Schichtpläne und Lohnzettel vermittelt war. Auch die Anmerkungen der Librettistin führen genau in diese Topografie: nach Sindelfingen und Böblingen, zu Mercedes und Bosch, zu einer Familiengeschichte, deren Ort unverkennbar die Stuttgarter Umgebung ist.

Darin liegt die Stärke dieses Abends — und zugleich seine Beschränkung. Das Lokale wird so präzise aufgerufen, dass es sich dem Exemplarischen nicht ganz öffnet. Die große Oper braucht nicht notwendig das Allgemeine im Sinne des Abstrakten; aber sie braucht eine Geschichte, die sich vom Anlass löst, ohne ihn zu verraten. Sie braucht ein Narrativ, das nicht nur Erinnerungen versammelt, sondern sie in eine Notwendigkeit zwingt. Hier hingegen stehen häufig Tableaus nebeneinander: Busbahnhof, Tankstelle, Passkontrolle, Neapel, Antalya, Jugoslawien, Winterbach/Lika, wieder Stuttgart. Schon das Programmheft beschreibt die Struktur als eine Reise durch fragmentierte Erinnerungen, Projektionen und Gefühle; Dirigent Peter Rundel spricht von Szenen, die eher als musikalische Bilder denn als kontinuierliche Prozesse angelegt sind.

Auch musikalisch bleibt der Abend in einem eigentümlichen Zwischenreich. Der Titel Mixtape-Oper ist durchaus programmatisch: Glojnarić arbeitet mit Songs, Kassetten, Samples, elektronischen Bearbeitungen, Tapes, Keyboards, Synthesizern, Orchester und Stimmen. Im Gespräch mit Rundel wird diese Musik als Schichtung beschrieben: ein Zuspiel, das gleichsam den Grund bildet, darüber Keyboards, Synthesizer, Orchester und Gesang.

Konzeptionell ist das einleuchtend. Im Theaterraum jedoch gerät diese Schichtung mitunter zur ästhetischen Unschärfe. Was ereignet sich in diesem Augenblick live? Was ist Zuspiel? Was ist Erinnerungsspur, was Klangfläche, was musikalische Gegenwart? Natürlich kann gerade diese Unentscheidbarkeit Teil der kompositorischen Idee sein. Sie entspricht dem Mixtape, dem Überspielen, dem Fragment, dem akustischen Palimpsest der Erinnerung. Doch nicht immer verwandelt sich diese Unschärfe in Spannung. Bisweilen bleibt sie als Ratlosigkeit im Raum stehen. Das Musiktheater lebt vom gegenwärtigen Klangereignis; wo dieses sich zu sehr mit dem technisch Vermittelten verschränkt, droht die sinnliche Unmittelbarkeit an Kontur zu verlieren.

So entsteht ein Abend, der in seiner Haltung unbestreitbar nobel ist, in seiner Form jedoch nicht durchweg zwingend. Er möchte nicht über die Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter sprechen, sondern sie selbst sprechen lassen. Auch das Programmheft bezeichnet diesen Perspektivwechsel als entscheidenden Ansatz. Aber eine solche ethische Setzung ersetzt noch keine dramatische Notwendigkeit. Viele Geschichten, viele Sprachen, viele Lieder, viele Erinnerungen: Daraus entsteht ein Archiv von großer Empathie. Doch ein Archiv ist noch keine Oper.

Und doch wäre es ungerecht, den Abend nur an dem zu messen, was er nicht wird. Das Stuttgarter Publikum feierte Station Paradiso frenetisch. Vielleicht gerade deshalb, weil das Werk hier nicht ins Allgemeine flieht, sondern in der lokalen Erinnerung bleibt. Weil es in Stuttgart etwas hörbar macht, das längst Teil der eigenen Stadtgeschichte ist: das Fließband, die Wäscherei, Daimler, der Bus in den Süden, die Kassette aus der Heimat, die Tupperdose, die Eltern, die nie ganz ankamen, und die Kinder, die längst hier leben und doch mit einer zweiten inneren Geografie aufgewachsen sind.

Vielleicht ist Station Paradiso daher weniger eine Oper über Migration als solche als vielmehr eine Stuttgarter Erinnerungsoper. Ein klingendes Stadtarchiv. Ein Abend, dessen Kraft aus der Nähe zum konkreten Ort entsteht und dessen Grenze ebendort sichtbar wird. Er dürfte in Stuttgart und im baden-württembergischen Raum seinen natürlichen Resonanzboden finden.

Das ist keineswegs gering zu achten. Und doch bleibt die Ahnung, dass aus diesem Stoff ein Musiktheater von größerer dramatischer Universalität hätte hervorgehen können.



Station Paradiso von Sara Glojnarić - an der Staatsoper Stuttgart | Foto (C) Matthias Baus

Steffen Kühn - 11. Mai 2026
ID 15849
STATION PARADISO (Staatsoper Stuttgart, 10.05.2026)
Eine Mixtape-Oper über die Sehnsucht nach Zuhause
von Sara Glojnarić

Musikalische Leitung: Peter Rundel
Regie: Anika Rutkofsky
Bühne: Christina Schmitt
Kostüme: Adrian Stapf
Video: Manuela Hartel
Licht: Volker von Schwanenflügel
Dramaturgie: Julia Schmitt und Johanna Mangold
Besetzung:
Busfahrer ... Goran Jurić
Braut ... Josefin Feiler
Yugo-Vater ... Andrew Bogard
Yugo-Tochter ... Diana Haller
Neapolitaner ... Joseph Tancredi
Türkischer Vater ... Matthias Klink
Türkische Tochter ... Fanie Antonelou
Süditalienische Mutter ... Stine Marie Fischer
Süditalienische Tochter ... Martina Mikelić
Tante Maria Sängerin ... Carole Wilson
Tante Maria Köchin ... Loretta Petti
Staatsorchester Stuttgart
UA war am 10. Mai 2026.
Weitere Termine: 14., 17., 24.05./ 01., 06., 11., 21.06.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsoper-stuttgart.de


Post an Steffen Kühn

http://www.hofklang.de

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